1. Der Schlüssel

Wo wir suchen – und was wir übersehen.

Ich stehe da.
Mitten in meinem Leben.
Und merke:
So wie es ist, fühlt es sich nicht ganz an.

Ich weiß nicht, was fehlt.
Ich weiß nur, dass etwas fehlt.

Alle sprechen von Glück.
Als wäre es greifbar.
Erreichbar.
Planbar.

Und ich frage mich:
Was ist dieses Glück eigentlich?

Wo soll ich suchen?
Im Außen?
In einem Ziel?
In einem Menschen?
In mir?

Ich habe keine Antwort.
Nur diese Unruhe.
Und eine leise Ahnung,
dass ich irgendwann aufhören muss,
im Falschen zu suchen.

Glück hat viele Gesichter.

Was bedeutet Glück in meiner Welt? 

Ist es bei mir selbst anzukommen,
in meiner Mitte und
im Einklang mit mir zu leben? 

Glück könnte auch heißen:
für andere da zu sein.
Zu helfen.
Spuren zu hinterlassen, die gut tun.
Bewusst zu leben.
So, dass ich am Ende sagen kann:
Ja. Ich habe mein Leben gelebt.

Aber wie merke ich das?
Und wo ist die Mitte, wo ist “bei mir”?
Was genau bedeutet “Spuren hinterlassen”?

Und während ich diese Zeilen schreibe,
spüre ich es:
Ich fühle mich glücklich.
Nicht, weil alles perfekt ist.
Nicht, weil ich die Antworten kenne.
Weil ich gerade etwas tue, das für mich stimmt.
Ich schreibe.

Die kleinen Dinge.

Ich sitze auf meinem Balkon
und schaue in den Sonnenuntergang.

Die Farben verändern sich fast unmerklich.
Die Bäume stehen im rosaroten Licht.
Die Luft ist warm.

Es sind nur zwei Quadratmeter.
Und doch fühlt es sich an wie Freiheit.

Ich lehne mich zurück.
Spüre die Wärme auf meiner Haut.
Atme ein.
Und zum ersten Mal an diesem Tag
muss ich nichts.

Vielleicht ist es genau das.
Kein großes Ereignis.
Kein Ziel, das erreicht wurde.
Nur dieser Augenblick.

Und ich frage mich:
Reicht das schon?
Ist das Glück?

Liegt Glück in uns?

Oft genug habe ich gehört:
“Wir alle tragen das Glück in uns“.

Dann ist es kein ferner Ort
und kein Besitz, den man festhält.

Wenn das stimmt,
dann müsste es ja in mir liegen.
Und trotzdem fühlt es sich nicht immer so an.

Ich erinnere mich an eine alte Geschichte.
Der Autor ist mir leider nicht bekannt –
aber die Botschaft ist zeitlos.

Die Götter und das Versteck des Glücks.
Die Götter beschlossen,
den Schlüssel zum Glück so zu verstecken,
dass die Menschen ihn niemals finden würden.

Der höchste Berg?
Der tiefste Ozean?
Die heißeste Wüste?
Alles schien möglich.

Und doch war klar:

Eines Tages würden die Menschen
auch dort suchen –
und ihn finden.

Nach einer langen Stille
sprach der weiseste der Götter:
„Lasst uns den Schlüssel
tief im Inneren des Menschen verstecken.
Denn dort
wird er als Letztes suchen.“

Und dann frage ich mich,
ob Glück etwas ist, das man findet –
oder etwas, das man wählt. 

Ich weiß es nicht.
Also probiere ich es aus.
Ich gehe los.
Und nehme die Frage mit.