Der Anfang von allem.


Als der Autopilot langsamer wurde,
blieb etwas zurück.
Kein Plan.
Keine Lösung.
Nur dieser Moment,
in dem nichts mehr drängt
– und trotzdem alles da ist.
Wenn es ruhig wird, beginnen die Antworten zu flüstern.
Nicht laut.
Nicht sofort.
Wer lange genug lauscht,
spürt irgendwann ein Ziehen –
wie eine Erinnerung.
Eine Erkenntnis formt sich
aus dem, was war.
Aus dem, was geblieben ist.
Aus dem, was mich hat reifen lassen.
Und mit ihr entsteht ein Gefühl:
Dankbarkeit.

Ein Wort. Ein Gefühl.
Dankbarkeit.
Ein Wort, das schnell gesagt ist.
Es taucht überall auf.
In Zitaten. In Routinen.
In gut gemeinten Sätzen.
Und trotzdem wusste ich lange nicht,
was es wirklich mit mir zu tun hat.
Für mich ist Dankbarkeit kein Mantra.
Kein Ritual, das man abhakt.
Sie ist etwas, das sich zeigt,
wenn ich aufhöre, etwas erreichen zu wollen.
Eine stille Wertschätzung für das, was da ist.
Für das Kleine.
Für das Unperfekte.
Für das Leben, so wie es mir gerade begegnet.
Dankbarkeit ist keine Pflicht.
Kein Konzept, das richtig oder falsch sein kann.
Sie ist eine Haltung.
Ein innerer Raum der Verbindung.
Mit mir selbst – und mit allem, was mich umgibt.
Ich habe mich oft gefragt,
wie sich Dankbarkeit eigentlich anfühlt.
Die Antwort kam.
Nicht als Gedanke, den man festhält.
Als Erfahrung, die bleibt.

Vom Haben zum Sein
Ich erinnere mich an einen dieser stillen Tage,
an denen das Leben enger wird
und zugleich weiter.
Ich begleitete meine Mama erneut in die Onkologische Klinik.
Ein Ort voller Schwere.
Und dennoch mit Momenten von Licht.
Im Warteraum lag eine besondere Art von Ruhe.
Nicht still.
Aber gedämpft.
Als hätten sich alle unbewusst darauf geeinigt,
das Unsagbare nicht zu stören.
Gespräche waren leise.
Blicke wach.
Körper ruhig.
Ich sah die Frauen, die dort warteten.
Gezeichnet vom Leben.
Vom Kämpfen.
Von etwas, das man sehen kann –
und doch viel mehr fühlt.
In ihren Blicken lag kein Trotz.
Kein Drama.
Aber etwas, das mich mitten traf:
eine stille Würde.
Manche schwiegen.
Andere tauschten Worte aus,
vorsichtig, bedacht.
Und mitten in dieser eigenen,
wortlosen Gemeinschaft
saß ich da.
Als Begleiterin.
Als Tochter.
Als jemand, der dazugehört –
ohne wirklich dazuzugehören.
Ich hörte zu, ohne zu sprechen.
Ich nahm auf, ohne zu fragen.
Ihre Geschichten waren unausgesprochen
und doch überall.
Keine großen Worte.
Keine Inszenierung.
Nur der Kern.
Leben.
Liebe.
Verlust.
Und die Entscheidung,
nicht daran zu zerbrechen.
Und dann war er da –
dieser Moment.
Klar.
Tief.
Unverfügbar.
Eine Welle der Dankbarkeit durchströmte mich.
Lautlos.
Und dennoch unaufhaltsam.
Nicht, weil alles gut war.
Nicht, weil ich stark war.
Nicht, weil es Sinn ergab.
Sondern, weil ich da war.
Weil ich leben durfte.
Nur das.
Atmend.
Wartend.
Begleitend.
Und inmitten all dieser Schwere wurde mir klar:
Dieses Leben ist kein Versprechen.
Es ist ein Geschenk.
Und genau in diesem Augenblick
begann ich, es zu empfangen. Das Leben.
So, wie es ist.

Dem Leben vertrauen
Dankbarkeit veränderte nicht die Umstände.
Sie veränderte mich.
Nicht auf einen Schlag.
Nicht spektakulär.
Eher wie ein leises Nachjustieren.
Plötzlich sah ich mehr.
Spürte genauer.
Nicht, weil alles leicht wurde.
Weil ich aufhörte, gegen das Leben zu arbeiten.
Ich begann, mich ihm zuzuwenden.
Nicht kontrollierend.
Nicht planend.
Einfach offen.
Kleine Dinge bekamen wieder Gewicht.
Ein Sonnenstrahl am Morgen.
Ein Blick, der bleibt.
Ein tiefes Ausatmen, ohne Ziel.
Es war, als hätte sich mein innerer Fokus verschoben.
Weg von dem, was fehlt.
Hin zu dem, was trägt.
Ich merkte, wie viel wir sehen,
wenn wir wirklich hinschauen.
Nicht bewertend.
Nicht suchend.
Empfangend.
Dankbarkeit verändert nicht die Welt.
Aber sie verändert den Blick auf sie.
Und mit diesem Blick entstand etwas Grundlegendes.
Aus dem „Zuviel“ wurde ein Geschenk.
Aus dem „Zuwenig“ ein Raum.
Aus der Leere eine Einladung.
Ich musste nicht mehr alles verstehen.
Nicht alles festhalten.
Nicht alles absichern.
Es reichte, wahrzunehmen, was da ist.
Und zu spüren:
Es ist genug.
Ich bin genug.
Ich begann, das Leben zu nehmen, wie es kommt.
Mit allem, was es mitbringt.
Ohne ständig zu prüfen,
ob ich schon weiter sein müsste.
Ich kämpfte nicht mehr gegen den Strom.
Ich ließ mich tragen.
Nicht passiv.
Vertrauend.
Es gab nichts mehr zu beweisen.
Keine Rolle, die ich erfüllen musste.
Keine Maske, die hielt.
Ich durfte einfach sein.
Unperfekt.
Ganz.
Echt.
Und mit dieser Erlaubnis
wurde etwas leichter.
Nicht das Leben.
Aber mein Verhältnis zu ihm.
Und irgendwann merkte ich:
Diese Dankbarkeit wollte mich nicht festhalten.
Sie wollte mich nicht still machen.
Sie wollte, dass ich bleibe.
In meinem Leben.
Mitten darin.
Nicht schwebend.
Endlich anwesend.
Und genau dort
begann etwas anderes.










