6. Selbstverantwortung

Wenn niemand kommt, um mich zu retten.

Nach dem Licht bleibt etwas.
Kein Hochgefühl.
Keine Antwort.
Präsenz.

Ich stehe wieder in meinem Leben.
Nicht fertig.
Nicht angekommen.
Aber da.

Und mit diesem Dasein
kommt eine leise Frage:
Was mache ich jetzt damit?

Nicht später.
Nicht, wenn alles klar ist.
Jetzt. 

Noch bevor.

Die Wochen um den Jahreswechsel waren dicht.
Viele Begegnungen.
Viele Erinnerungen.
Viel Innenleben.

Es waren diese Tage, an denen man innehält,
zurückschaut – und plötzlich merkt,
dass man sich selbst dabei zusieht.

Wer bin ich eigentlich gerade?
Und wenn ich ehrlich bin:
Lebe ich mein Leben – oder laufe ich darin nur mit?

Gedanken kommen schnell.
Pläne folgen leicht.
Der Körper bleibt stehen.

Irgendwann braucht es etwas anderes.
Einen inneren Punkt,
an dem ich aufhöre, auszuweichen.

Oma Lucja – die Stimme in mir. 

Ich musste an meine Oma denken.
Nicht geplant. Sie war einfach da.

Nicht als reine Erinnerung.
Eher wie eine Stimme, die sich meldet.

Meine Oma saß in ihrem Sessel am Kachelofen.
Der Kittel geschlossen.
Die grauen Haare im Dutt zusammengebunden.
In der Hand eine filterlose Zigarette im langen Glashalter.
Sie nannte sie “Lufka”.

Sie sagte nicht viel.
Aber sie hatte alles im Blick.

1912 geboren.
Krieg.
Mangel.
Ein Leben, das nicht fragte, ob man bereit ist.

Abends lief leise „Freies Europa“.
Verboten.
Sie wollte wissen, was wirklich passiert.

Wenn etwas schiefging,
wurde nicht lange erklärt.
Kein Drama.

Sie hörte zu.
Und dann sagte sie diesen einen Satz:

„Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“

Da wurde mir klar.

Damals habe ich genickt.

Heute merke ich,
dass ich mein eigenes Leben
besser erklären kann
als es zu führen.

Ich bin gut darin, alles einzuordnen.

Warum etwas gerade nicht geht.
Warum es noch nicht der richtige Moment ist.
Warum die Umstände schwierig sind.

Und fast immer klingt das vernünftig.

Nur eines fehlt:
meine Entscheidung.

Ich stehe in meinem eigenen Leben –
und warte.

Auf bessere Bedingungen.
Auf ein Zeichen.
Auf später.

Während ich verstehe,
was alles zusammenhängt,
entgleitet mir etwas anderes:
das Gefühl,
wirklich am Steuer zu sitzen.

Selbstverantwortung fühlte sich lange
nach Druck an.
Nach „Du musst jetzt.“
Nach Disziplin.
Nach Kontrolle.

Bis ich merkte:
Es geht nicht darum, härter zu werden.
Es geht darum,
mir nicht länger auszuweichen.

Leben führen heißt für mich heute nicht,
alles im Griff zu haben.

Sondern zu sehen,
wo ich mich selbst zurückhalte.
Wo ich warte.
Wo ich mich kleiner mache,
obwohl ich längst gehen könnte.

Nicht perfekt.
Nicht heldenhaft.

Nur einen Schritt näher zu mir.

Noch nicht.

Lange dachte ich,
ich wüsste genau, woran es liegt.

Ich kann es benennen.
Einordnen.
Analysieren.

Und trotzdem bleibe ich stehen.

Nicht, weil ich nichts weiß.
Sondern weil ich weiß –
und trotzdem nicht gehe.

„Noch nicht“
fühlt sich vernünftig an.

Ich erzähle mir,
dass Vorsicht klug ist.
Dass Timing wichtig ist.
Dass ich nichts überstürzen muss.

In Wahrheit schiebe ich es wieder.
Ich bremse mich selbst.

Vielleicht habe ich Angst zu scheitern.
Vielleicht habe ich mehr Angst davor,
dass es klappt.
Denn dann bleibe nur ich übrig.

Keine Ausrede.
Kein Vielleicht.
Kein Später.

Verantwortung fühlt sich in solchen Momenten
nicht groß an.

Eher wie ein stiller Raum,
in dem ich mir selbst nicht mehr ausweichen kann.

Und manchmal weiß ich längst,
was dran ist.

Und doch will ich es nicht wissen.
Noch nicht.

Ich.

Irgendwann merke ich,
dass kein Zeichen kommt.

Kein perfekter Moment.
Kein Mensch,
der mich an die Hand nimmt.

Es bleibt bei mir.

Kein Druck.
Keine Forderung.
Nur eine Tatsache.

Ich kann weiter erklären.
Oder ich kann beginnen.

Nicht groß.
Nicht endgültig.

Ein Schritt reicht.

Ich entscheide nicht über das ganze Leben.
Aber ich entscheide über mich darin.

Ohne Garantie.
Ohne Applaus.

Mit Folgen,
die ich bereit bin zu tragen.

So gehe ich.
Und manchmal bleibe ich stehen.
Beides gehört dazu.

Denn mein Leben passiert nicht irgendwann.
Es passiert hier.
Und ich bin da.